{"id":1147,"date":"2026-06-30T12:34:50","date_gmt":"2026-06-30T10:34:50","guid":{"rendered":"https:\/\/ioer.org\/?p=1147"},"modified":"2026-06-30T17:40:35","modified_gmt":"2026-06-30T15:40:35","slug":"stellungnahme-zum-dreistufentest-des-oeffentlich-rechtlichen-rundfunks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioer.org\/?p=1147","title":{"rendered":"Stellungnahme zum Dreistufentest des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Prof. Dr. Erika Bock-Rosenthal<\/strong><br>Initiativkreis \u00f6ffentlich-rechtlicher Rundfunk (I\u00d6R), K\u00f6ln<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1. Anlass und Ziel der Stellungnahme<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dieser Stellungnahme wird bewusst nicht im Einzelnen auf die formale Ausgestaltung des Dreistufentests eingegangen. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die grundlegend ver\u00e4nderten medienpolitischen, medien\u00f6konomischen und demokratietheoretischen Rahmenbedingungen, unter denen der Dreistufentest f\u00fcr \u00f6ffentlich-rechtliche Angebote \u2013 insbesondere f\u00fcr ZDF, 3sat und phoenix \u2013 heute angewendet wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dreistufentest steht vor einer medienpolitischen Zeitenwende. Seine zentralen Voraussetzungen sind empirisch widerlegt, seine Instrumente stammen aus einer vergangenen Medienordnung, und seine Wirkungen stehen heute in einem grundlegenden Spannungsverh\u00e4ltnis zu den Erfordernissen einer funktionierenden Demokratie unter Bedingungen der Plattform\u00f6konomie.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2. Die widerlegte Marktannahme des Dreistufentests<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dreistufentest basiert auf der langen vorherrschenden Annahme, \u00f6ffentlich-rechtliche Medienangebote k\u00f6nnten private Medienm\u00e4rkte st\u00f6ren und journalistische Vielfalt gef\u00e4hrden. Diese Annahme \u2013 h\u00e4ufig als Marktst\u00f6rungs- oder Crowding-Out-Hypothese bezeichnet \u2013 gilt heute als empirisch widerlegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zahlreiche nationale und internationale Studien zeigen \u00fcbereinstimmend:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Der \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunk verursacht keine nachweisbaren marktlichen Verluste bei privaten Medienanbietern.<\/li>\n\n\n\n<li>Im Gegenteil: \u00d6ffentlich-rechtliche Investitionen stabilisieren private Medienm\u00e4rkte, erh\u00f6hen Ums\u00e4tze privatwirtschaftlicher Anbieter und st\u00e4rken journalistische Qualit\u00e4t.<\/li>\n\n\n\n<li>\u00d6ffentlich-rechtliche Angebote wirken als Market-Shaper, die Nachfrage nach weiteren kommerziellen Angeboten nicht verdr\u00e4ngen, sondern verst\u00e4rken.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Europ\u00e4ische Rundfunkunion (EBU) hat die Aussagekraft dieser Studien anhand von Daten aus 14 L\u00e4ndern \u00fcberpr\u00fcft \u2013 mit konsistenten Ergebnissen, unabh\u00e4ngig vom jeweils eingesetzten empirischen Instrumentarium. Damit ist die zentrale theoretische Grundlage des Dreistufentests entfallen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">3. Wegfall eines zentralen Pfeilers der bisherigen Medienpolitik<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der empirischen Widerlegung der Crowding-Out-Hypothese ist ein bislang unhinterfragter Bestandteil der deutschen Medienpolitik weggebrochen. Die Schutzlogik gegen\u00fcber privaten Medien hat insbesondere im Zuge der Digitalisierung zu folgenden Instrumenten gef\u00fchrt:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Verboten der Presse\u00e4hnlichkeit<\/li>\n\n\n\n<li>engen Verweildauervorgaben<\/li>\n\n\n\n<li>Depublizierungspflichten<\/li>\n\n\n\n<li>dem Dreistufentest selbst<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Instrumente sind medien\u00f6konomisch nicht mehr zu rechtfertigen. Die Konsequenz kann daher nicht lauten, sie fortzuschreiben, sondern sie grundlegend zu \u00fcberpr\u00fcfen und \u2013 wo sie demokratiepolitisch sch\u00e4dlich wirken \u2013 aufzugeben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">4. Die eigentliche Marktst\u00f6rung: Plattformmonopole und Big Tech<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die heutige Gef\u00e4hrdung der Medienvielfalt und der demokratischen \u00d6ffentlichkeit geht nicht vom \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk, sondern von der Monopolstruktur globaler Plattformkonzerne aus. Diese Plattformen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>ziehen \u00fcber 50 % der Werbeeinnahmen auf sich<\/li>\n\n\n\n<li>steuern Aufmerksamkeit \u00fcber intransparente Algorithmen<\/li>\n\n\n\n<li>entziehen sich faktisch journalistischer, rechtlicher und ethischer Verantwortung<\/li>\n\n\n\n<li>bieten keinen wirksamen Jugend- oder Pers\u00f6nlichkeitsschutz<\/li>\n\n\n\n<li>beg\u00fcnstigen Hass, Drohungen, Desinformation und Propaganda<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Anwendung von K\u00fcnstlicher Intelligenz wirkt dabei als Brandbeschleuniger: Sie erzeugt t\u00e4uschend echte Bilder, Stimmen und Inhalte, missachtet Urheberrechte und erschwert die Suche nach Wahrheit systematisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es handelt sich nicht um freie M\u00e4rkte, sondern um abgeschottete Aufmerksamkeitsmonopole, deren Logik dem demokratischen Meinungsbildungsprozess fundamental widerspricht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">5. Demokratiepolitische Relevanz des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die moderne Demokratie ist auf freie, unabh\u00e4ngige und faktenbasierte Medien angewiesen. Beitr\u00e4ge zur politischen Meinungsbildung und zur Vielfaltsicherung genie\u00dfen nach Artikel 5 GG hohen verfassungsrechtlichen Rang.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manipulationen, Fakes, Desinformation, algorithmische Verst\u00e4rkung von Extremismus und die Marktmacht globaler Monopole sind Gift f\u00fcr die Demokratie. Unter diesen Bedingungen kommt dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht weniger, sondern mehr Verantwortung zu:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>als Garant f\u00fcr Vielfalt und Qualit\u00e4t<\/li>\n\n\n\n<li>als verl\u00e4ssliche Informationsinfrastruktur<\/li>\n\n\n\n<li>als demokratisch kontrollierte Gegenkraft zur Plattform\u00f6konomie<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">6. Notwendigkeit einer Neuausrichtung der Medienpolitik<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ministerpr\u00e4sidentinnen und Ministerpr\u00e4sidenten sind aufgefordert, die Medienpolitik grundlegend neu zu justieren. Der Reformstaatsvertrag greift wichtige Aspekte auf, reicht jedoch ohne begleitende \u00dcbergangsregelungen nicht aus. Erforderlich ist:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>die Aussetzung obsoleter Regelungen wie Verweildauerbegrenzungen, Presse\u00e4hnlichkeitsverbote und Dreistufentestpflichten<\/li>\n\n\n\n<li>insbesondere f\u00fcr Sender wie phoenix, die einen demokratiesichernden Informationsauftrag erf\u00fcllen<\/li>\n\n\n\n<li>sowie eine Abkehr von Depublizierungspflichten, die sich bereits als demokratiesch\u00e4dlich erwiesen haben<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">7. \u00d6ffentlich-rechtliche Infrastruktur als Public Open Space<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Medienordnung der Zukunft erfordert mehr als Programmanpassungen \u2013 sie verlangt eine Neuordnung der medialen Infrastruktur. Im Rahmen einer Weiterentwicklung des Rundfunkrechts sollte dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk ausdr\u00fccklich der Auftrag erteilt werden,<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Infrastrukturen f\u00fcr einen Public Open Space aufzubauen<\/li>\n\n\n\n<li>Archiv- und Referenzfunktionen dauerhaft zu sichern<\/li>\n\n\n\n<li>Inhalte st\u00e4rker zu vernetzen und kontextualisieren<\/li>\n\n\n\n<li>Kooperationen mit privaten Medien, Wissenschaft, Kultur und Bildung einzugehen<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Europ\u00e4isches Medienrecht erlaubt und f\u00f6rdert solche Kooperationsformen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">8. Flankierende politische Ma\u00dfnahmen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Sicherung der demokratischen Medienordnung sind flankierend erforderlich:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>strengere Regulierung und wettbewerbliche Entflechtung monopolistischer Plattformen<\/li>\n\n\n\n<li>Transparenzvorgaben und Algorithmenkontrollen<\/li>\n\n\n\n<li>verbindliche Ma\u00dfnahmen gegen Desinformation<\/li>\n\n\n\n<li>F\u00f6rderung von Forschung zu digitaler Kommunikation und ethischer KI<\/li>\n\n\n\n<li>Unterst\u00fctzung alternativer Plattformen und europ\u00e4ischer Suchmaschinen<\/li>\n\n\n\n<li>verpflichtende Dateninteroperabilit\u00e4t f\u00fcr fairen Wettbewerb<\/li>\n\n\n\n<li>internationale Kooperationen zur Eind\u00e4mmung digitaler Desinformation<\/li>\n\n\n\n<li>politische Unterst\u00fctzung und ausreichende Finanzierung der Transformation<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">9. Schlussbemerkung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Dreistufentest ist Ausdruck einer Medienordnung, die es so nicht mehr gibt. Seine Fortgeltung schw\u00e4cht jene Institutionen, die f\u00fcr Demokratie, Vielfalt und journalistische Qualit\u00e4t unverzichtbar sind. Was wir heute brauchen, ist nicht weniger \u00f6ffentlich-rechtlicher Rundfunk \u2013 sondern ein zeitgem\u00e4\u00df gest\u00e4rkter.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Literaturhinweise<\/h3>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>J\u00fcrgen Betz und Erika Bock-Rosenthal: Zur Bedeutung und Rolle des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Demokratie, in: Under Attack! Antidemokratischer Populismus und Medien. ORF Public Value Texte 29, Wien 2025, S. 40 ff.<\/li>\n\n\n\n<li>Martin Andree: BIG TECH MUSS WEG!, FfM\/New York, 2024<\/li>\n\n\n\n<li>Martin Andree: Krieg der Medien, Dark Tech und Populisten \u00fcbernehmen die Macht, FfM\/New York, 2025<\/li>\n\n\n\n<li>Renate D\u00f6rr, Lutz K\u00f6hler: \u00d6ffentlich-rechtliche Medien als Market-Shaper und gestaltende Kraft im Medien\u00f6kosystem<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Initiativkreis \u00f6ffentlich-rechtlicher Rundfunk (I\u00d6R), K\u00f6ln zum Dreistufentest des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks und zu den ver\u00e4nderten Rahmenbedingungen der digitalen Medienordnung<a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/ioer.org\/?p=1147\">WEITER \u261e<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["entry","author-gberg","has-excerpt","post-1147","post","type-post","status-publish","format-standard","category-stellungnahmen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ioer.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1147","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ioer.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ioer.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ioer.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ioer.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1147"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/ioer.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1147\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1149,"href":"https:\/\/ioer.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1147\/revisions\/1149"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ioer.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1147"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ioer.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1147"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ioer.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1147"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}